Mathias Jakobs – ein bislang unbekannter sozialrepublikanischer Arbeiterfunktionär aus dem Hunsrück

Aus dem Kreisjahrbuch Bernkastel-Wittlich von 2008, von Marcus Heintel

 

 
Katholisch, konservativ, landwirtschaftlich geprägt – das waren lange Zeit die charakteristischen Merkmale des Hunsrück, ganz bestimmt auch noch zu Beginn und eine lange Phase des 20. Jahrhunderts. Dennoch entstammt aus der Mitte dieses Gebietes ein Mann, ein Freidenker, Gewerkschaftler und Sozialdemokrat, zu dessen Ehren sogar die Stadthalle in Gladbeck im Ruhrgebiet seinen Namen trägt: Mathias Jakobs.
 
Mathias Jakobs wurde am 09. September 1885 als Sohn der Eheleute Johann Jakobs, Landwirt, und Anna Maria geb. Thös in Hunolstein (Gemeinde Morbach) geboren. Nach seiner Kindheit, in der er im Alter von 8 Jahren schon seine Mutter verlor, und der Schuhmacherlehre zog es ihn, wie viele in der damaligen Zeit der Landflucht, vom Hunsrück weg in „die weite Welt“, in der bessere berufliche Chancen und ein besseres Leben erhofft und erwartet wurden. Der Sog ging zu jener Zeit aus von der Kohle- und Stahlindustrie, die ein immenses Wachstum aufwies und Arbeit und Brot verhieß.
 
Angekommen im Ruhrgebiet wurde er, wie es Frank Bajohr und Rainer Weichelt in ihrem Buch „Mathias Jakobs – Ein sozialrepublikanischer Arbeiterfunktionär in der Krise der Weimarer Republik“ kommentieren, zum „typischen Gladbecker“. Als typischen Gladbecker charakterisieren Bajohr und Weichelt daher diejenigen, durch deren Zuzug das Dörfchen Gladbeck zur Stadt wurde und die eben nicht auf eine Jahrhunderte lange Gladbecker Familientradition zurückblicken konnten.
 
Im Alter von 20 Jahren, im Jahr 1905 begann seine typische „Ruhrbergarbeiterkarriere“ als Hilfsarbeiter zunächst in Gelsenkirchen-Schalke, fortgesetzt in Gladbeck als Koksarbeiter, 1909 ging er als Schlepper unter Tage und wenige Monate später begann er als Lehrhauer. In dieser begann sich sein Leben neu zu ordnen, nicht nur familiär, sondern auch politisch. 1909 trat er dem „Verband der Berg- und Hüttenarbeiter Deutschlands“ bei und engagierte sich in der Freidenkerbewegung, deren Gladbecker Ortsgruppe im Jahr 1911 eine der größten im ganzen Reichsgebiet war. Am 11. Mai 1910 heiratete er Anna Radolla, die Tochter eines aus Wanne-Eickel stammenden Bergarbeiters, aus der Ehe gingen 4 Kinder hervor. Nach seiner Lehrhauerzeit wurde er im November 1911 Hauer, zunächst auf der Schachtanlage Scholven, anschließend und bis Ende 1924 auf der Zeche Graf Moltke. Seinen Eintritt in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands erklärte er am 1. August 1912. Den 1. Weltkrieg erlebte Jakobs vom 03. August 1914 bis zum 10. April 1919 an der Westfront.
 
Noch vor Ausbruch des 1. Weltkrieges war Jakobs schon zum Filialleiter der SPD Gladbeck-Mitte gewählt worden und versuchte, vor Ort eine Friedensdemonstration zu organisieren. Er stieß in einer Zeit zu den Sozialdemokraten in Gladbeck, als diese noch eine deutlich linke Position in der damaligen SPD bezogen. Jakobs jedoch und sein politischer Weggefährte Heinrich Krahn sorgten mit ihren politischen Ansätzen dafür, dass die Gladbecker SPD mit der Zeit gemäßigter wurde und die „Burgfriedenspolitik“ der Partei mit trug.
 
Nach seiner Rückkehr vom 1. Weltkrieg startete dann Jakobs’ steile Polit-Karriere: Ende 1919 machte man ihm zum Vorsitzenden der Gladbecker SPD. Mitte des Jahres 1920 zog er in die Stadtverordnetenversammlung ein, zweieinhalb Jahre später wurde er schon zum Sprecher des Stadtparlaments bestimmt. Gegen Ende des Jahres 1924 wurde er für den Wahlkreis 17 Münster/Minden/Kreis Grafschaft Schaumburg zum Abgeordneten des Preußischen Landtags in Berlin gewählt und war damit automatisch Delegierter des Heidelberger SPD-Programmparteitages im selben Jahr. Dort machte er sich einen Namen als Bergbauexperte und streitbarer und harter Verfechter der Interessen der im Bergbau Tätigen. In der Kommunalpolitik wurden er und Krahn zu Vertretern des so genannten Munizipalsozialismus, der zum Inhalt hat, dass die Infrastrukturleistungen in kommunaler Regie zum Wohle der Bevölkerung übernommen wurden. So zum Beispiel wurde die Errichtung von Erholungsstätten, Theatern, Schwimmbädern und der Volkshochschule erst durch Forderungen der Sozialdemokraten umgesetzt. Gleichzeitig wurde der soziale Wohnungsbau und die Systematisierung der Müllentsorgung forciert.
 
An einem solch engagierten und couragierten Sozialdemokraten machten dann natürlich auch die politischen Veränderungen dieser Zeit in Deutschland nicht halt. Zwar wurde er im März 1933 abermals in das Stadtparlament Gladbecks sowie in den Preußischen Landtag gewählt. Am 27. Juni 1933 jedoch wurde das „SPD-Schwein“ Jakobs von Gestapo und SA verhaftet und misshandelt. Sein 6monatiges Martyrium begann zunächst im Zuchthaus in Herford und führte ihn in die berüchtigten Konzentrationslager des Emslandes. Auf dem Marsch dorthin wurde ihm eine Dornenkrone auf seinen Glatzkopf gepresst, blutüberströmt musste er diese Qualen ertragen. Aufgrund seiner Korpulenz zog er immer wieder den Sadismus der SA- und SS-Wachmannschaften auf sich, die sich an den Grausamkeiten an ihm ergötzten. Als Jakobs im Dezember 1933 entlassen wurden, diagnostizierte man bei ihm fünf Lungenrisse und Tuberkulose. Durch die Qualen war er derart entstellt und körperlich abgebaut, dass er sogar von Bekannten und Verwandten nicht erkannt wurde.
 
Obwohl er todkrank war organisierte er weiter den Widerstand in Gladbeck mit, bis er seinen seelischen und körperlichen Verletzungen am 5. Mai 1935 erlag. Seine Beisetzung wurde zu einer großen stummen, antifaschistischen Kundgebung.